„Jemands“ Ängste 03

Angst03

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WIR-Buch

Mehrfach stieß ich in letzter Zeit auf die Idee: Bullet Journal. Renee erzählte davon im Podcast „Jahresanblicke“, Sonrisa machte Fotos von ihrem öffentlich… Ich selbst führe einen Kalender, habe ein extra schönes Buch für meine To-do-Listen, einen Einkaufslisten-Block in der Küche, schreibe Blog und Tagebuch in nem Collegblock… und irgendwo kleben immer noch Post-its mit Notizen, von einer Telefonliste, die hier rumfliegt, mal ganz zu schweigen… Wozu nun noch etwas Neues? Doch irgendwie wurde etwas angestoßen im Innen, ganz positiv… diese Kreativität, dieses Bunte, diese vielen Farben… DAS gibt es in keinem meiner Ordnungssysteme. Und ja, es war mehr als ein Angestoßen sein. Es war ein: „Ich will auch.“

Andererseits war die Idee für andere überhaupt nicht vorstellbar, alles in EINEM Buch?!?… „Das geht nicht. Das macht Chaos.“ Ja, im Sinne von: „Das geht nicht perfekt. Also lieber die Finger davon halten. Wenn sich erst (mit der Zeit) ergibt, was genau da rein soll, wie soll das dann angeordnet werden? Ein Kalender und Listen und Lieblingssprüche und und und… da verliert man doch den Überblick… Das kann nicht gut gehen!“

Die Sehnsucht nach Kreativität hat sich durchgesetzt, mit der Absprache, dass der Kalender dort nicht integriert wird, und wir sind losgefahren, nach einem geeigneten Buch Ausschau zu halten. Um es auszuprobieren, sollte ein kleines reichen… und zu Hause die erste Konfrontation: „Endlich ein Ort, wo ich meine Ängste malen kann.“… „Äh ja… auch das kann, darf da Platz haben… doch als erstes? Auf welcher Seite? Wo?“ … Perfekt. Immer wieder damit konfrontiert: Wie geht es am bestmöglichen?… Vielleicht aus Angst vor Kontrollverlust? Und doch so sehr der Wunsch, einfach mal drauf los zu machen… zu schreiben, zu malen… noch nicht wissend, wie es werden wird… Ja und so wurden zuerst, mitten hinein, die Ängste gemalt. Und dann wurde klarer, wohin die Sehnsucht geht… nicht in Richtung Bullet Journal, wie ich es mir vorstellte, sondern in Richtung „WIR-BUCH“. Ein Ort, wo alle schreiben und malen dürfen, auch kreativ und bunt. Wo es um Begegnung geht, um Kommunikation. (Als „Methode“ wird es so ähnlich wohl bei (krassen) Blackouts verwendet… was genau dort geschrieben werden soll, weiß ich nicht. Wenn ihr damit Erfahrungen habt, lese ich sie gerne in den Kommentaren.) Und es wurde ein großes Buch mit festem Einband aus dem Schrank geholt, weil klar war, es bleibt hier zu Hause. Es ist nicht für jeden Augenblick, nicht für mal eben unterwegs, gedacht.

Meine Idee war, dass alle (auch wenn ich da (mal wieder) echt zögerlich bin, ob es „mehr als ich“ überhaupt gibt 😊) zu jeder Zeit etwas malen oder schreiben können… und wenn nicht sofort, dann doch später, andere ihre Gedanken dazu ausdrücken können… Und die Erfahrung der letzten zwei Tage ist überwältigend… positiv. Wenn ich es zulasse, mir und den anderen die Zeit gebe, dann möchte sooo vieles formuliert werden… Klar, ich merke es ja, dass es „Parallel-Gedanken“ zu meinen gibt, im Kopf werden diese scheinbar mehr als ich bisher dachte unterdrückt, doch durch das Schreiben verlangsamt, wird sehr sichtbar, dass Kommunikation erwünscht (und sinnvoll) ist… dass da „Andere“ sind… dass es Dialoge gibt… und dass manche, so wie gestern, auch für andere etwas hineinmalen. Gestern sind uns Farben „geschickt“ worden. In einer Mail der Wunsch nach einer großen Portion Farbe gegen die Schwarzmalerei durch die Ängste… Sie wurden von einer Jüngeren gemalt, sind jetzt festhalten, und immer wieder erinnert sie daran: „Guck mal, viele Farben. Bunt.“

Auch der Aspekt, etwas Vor- oder Nachzubesprechen bekommt Raum… und mit bunten Stiften ist es einfach toll… mal sehen, wo es hinführt… im Moment tut es einfach gut. Oder ist es Einbildung, dass das unterschiedliche Ausdrücken der „Vielen“ mit ihren Gedanken und Fragen gut tut? Es macht auch Angst, ein bisschen. Wird doch wirklich deutlich, dass es unterschiedliche Wahrnehmungen, Themen und Gedanken gibt. Ich erinnere mich an den Augenblick der Verdachtsdiagnose. Da sagte ich, weil ich es in der Klinik so hörte: „Nicht mehr Spaltung als nötig!“… und meine Therapeutin sagte: „Da, wo Spaltung ist, darf sie auch sichtbar werden.“

Draußen „draußen“

Ich will es ja. Und andere wollen es auch. Ich habe in einem Geschäft die Ruhe alle Lebensmittel, die auf dem Zettel stehen, zu suchen. Und ich kann auch Alternativen denken oder kleine Zusätze… habe das Geld im Blick und auch die nächsten Tage. Die Planung des Essens und auch Dinge wie Schwämme, Zahnpasta und Duschzeug… Ich kann in einem Geschäft auch mal innehalten und atmen, ein paar Schritte zurückgehen, weil es etwas Interessantes anzuschauen gibt oder ich weiter vorne etwas vergessen habe. Ich bekomme keine Panik. Ich habe die Kraft, auch für das Stehen bleiben und schauen lassen… ein Puzzel, ein Einhornkuscheltier und was es alles zu sehen gibt…

Doch irgendwann bekam sie Stress. Es war keine Angst im Innen. Niemand wollte nach Hause… sie selbst wurde aufgeregter… Ausgelöst durch den Gedanken: „Was sage ich denn, wenn ich jetzt jemandem begegne, den ich kenne und der mich fragt, wie es mir geht?“… im Innehalten wahrnehmen, dass nichts da ist… kein Gestern, kein Morgen… kein Gefühl für das eigene Empfinden. Nur diese leichte Spannung im Körper. Schmerz, weil dieses minimale Blackout sichtbar werden könnte… und im Innen schon jetzt fühlbar ist…?

Draußen „draußen“ sein, ist wunderbar. Fühlt sich gut an… wirklich präsent sein, die Umgebung wahrnehmend… doch sichtbar werden dann andere Dinge: Erinnerungslücken. Noch, nur für einige von uns selbst… und auch für die ist das Ausmaß noch im Nebel… Ein Hinweis ist lediglich der Stress im Körper, wenn an Kontakt gedacht wird… und dann für wenige Sekunden nichts da ist: Das Gestern verschwunden…

Da freust du dich, wenn sie mehr da ist… übst, die Gegenwart und das Körpergefühl zu halten… und… hast neue Probleme… Oder hattest du sie schon immer, nur bisher un-wahr-genommen?

Ein Filmabend

Dienstag hatte sich „jemand aus ich“ mit der Tochter einer Freundin verabredet. Für gestern Abend. Erst Pizza machen und dann Harry Potter 1 gucken. T. ist 14 und wir mögen sie alle sehr gerne und sie uns auch (wobei sie nichts von „uns“ weiß). Im Sommer haben wir schon zusammen Kirschkernweitspucken gemacht, waren gemeinsam Geocachen und ab und an lernen wir mit ihr für eine Arbeit für die Schule. Mathe und Englisch mag sie gar nicht.

Ich weiß nicht, wann wir das letzte Mal einen Film im Fernsehen geschaut haben. Einen echten, langen Film. Ewig lange nicht. Ja, Pumuckl oder Drache Kokosnuss… jetzt in letzter Zeit, doch ich bin überhaupt nicht mit Fernsehen aufgewachsen. Schon früh hatte ich einen eigenen in meinem Zimmer, doch freiwillig geguckt, habe ich nicht. Ab und an „als Strafe“ wurde ich gezwungen, Heidi zu gucken oder einen Familienabend „Wetten dass..?“ Doch da war ich unter zehn… lang lang ist es her. Es gab immer diese Ahnung, es ist mir zu aufregend… Viele Jahre hatte ich als Erwachsene auch keinen Fernseher… inzwischen steht hier einer…

Anfang der Woche war sie dann da. Wirklich da. Die Vorfreude. Au ja, mal so ganz „normal“ einen Film gucken. Harry Potter. Bis mitten in Band 4 habe ich die Reihe gelesen, damals… vor ewigen Jahren… Die Handlung mir damals schon zu spannend… Doch Teil 1, dachte ich, wäre ok. Und ja, es gab einfach dieses Gefühl von „gemeinsam abhängen“ wollen, auf dem Sofa liegend, Zeit verbringen… Auch wenige Stunden vorher noch: Echt Lust und Vorfreude. Etwas zu naschen eingepackt, fuhr ich zu ihr…

Und machte Pizza und guckte den Film. Die 3 Erstreaktionen danach auf der Heimfahrt: Netter Abend. Film nicht verstanden (was mir oft mit Handlungen so geht) und „lecker Pizza“.

Zuhause angekommen, hatte ich Bauchschmerzen wie seltenst. Meine Bauchdecke war sooo angespannt. Mein Bauch ein Blähbauch. „Ich war auf dem Sofa. Habe 2,5 Stunden die Luft angehalten.“, kommt als Gedanke… Wobei es mir eher so vorkam, als ob die ganze Zeit eingeatmet aber nicht ausgeatmet wurde. Ein Wärmekissen liegt auf dem Bauch. „Jemand“ schreit richtig: „Aua. Es so tut so weh.“ Und immer wieder die Frage: „Wo war ich? Ich weiß nicht, wo ich gewesen bin.“… Sooo ein Durcheinander im Innen. Und ein bisschen auch ein Schreck: Während des Guckens habe ich nicht gemerkt, dass es solche Nachwirkungen haben könnte. Manchmal meldet sich jemand im Innen und sagt, dass er nach Hause will. Manchmal werden die Hände eiskalt

Ich telefonierte mit einer Freundin und brach in Tränen aus. Ja, eine war sooo durcheinander. Ich hatte das Gefühl, der Fernsehabend war gut. Viel besser als erwartet. Nein, das war er nicht. Jedenfalls für eine im Innen war es nicht gut…

Heute Morgen würde ich bestätigen, was ich gestern vermutete und es erschreckt mich. Für eine war es eine Wiederholung… ohne Gegenwart. Wenn ich die Bruchstücke der gestrigen Verwirrung zusammenfasse: Da lag eine auf dem Sofa, kaum atmend, sich fragend: „Darf ich mich bewegen?“ und nicht wissend, wo sie ist…

Es kommen keine Erinnerungen, was genau sie erlebt haben mag, doch sie hat definitiv gestern nicht (in der Gegenwart verankert) Harry Potter geguckt… und es erinnert mich an eine andere Situation, die ähnlich war im letzten Jahr, beim Übernachten in der Wohnung einer guten Freundin: Da lag sie im Bett, diese Kleine, total angespannt, in Angst, gleich missbraucht zu werden… Vergangenheit so „wiedererlebt“ zu bekommen, ist gruselig… und geht nicht spurlos an mir vorbei…

Furchtbar. Vielleicht war also gar nicht der Film zu aufregend, sondern das Liegen auf dem Sofa ein Auslöser… Furchtbar für die Kleine, doch auch echt irritierend für die Große… Wie kann eine im Innen nicht mitbekommen, wo wir waren? Es gibt für diese Zeit kein Blackout. Und doch wiederholte sie mehrfach diese Frage: „Wo war ich?“… und diese Anspannung in der Bauchdecke… und alles erst sichtbar, als der Film vorbei war… wir wieder zu Hause… Das ist doch komisch… oder?

Mich schämen

„Eine Wiederholung des Damals: Ich werde sterben.“, schrieb ich vorhin. Kurze Zeit später der Eindruck, das fühlt sich nicht richtig an. Es ist nicht die Angst zu sterben, die uns treibt. Und dann gab es ein Ringen im Innen, was es denn dann sei. Und auf einmal Tränen. „Ich schäme mich, wenn ich etwas nicht verstehe und dann Tränen laufen.“

Und damit wurden dann „Wortspiele“ gemacht. Was „schmeckt“ wahrhaftig? ICH schäme MICH, wenn DIR Tränen laufen. Ich schäme mich, wenn mir Tränen laufen. MIR laufen Tränen, wenn DU etwas nicht verstehst. DU schämst dich, wenn MIR Tränen laufen…. Und dann ja auch noch DIE, die etwas nicht versteht…

Also: EINE versteht nicht. Und statt dann nachzufragen, löst dieses „etwas nicht verstehen“ einen Tränenfluss aus (bei wem?)… einem Wasserfall gleich. Und eine Andere schämt sich dafür. (Denn man bräuchte nur nachzufragen, zum Weinen gibt es überhaupt keinen Grund in diesen Augenblicken.) Doch für „irgendwen“ scheinen Tränen ein „No-go“ zu sein. Geht gar nicht… „Man müsste sich nur mehr zusammenreißen, dann würden auf „Nicht verstehen“ keine Tränen folgen.“… Ja, so „schmeckt“ die „Kette“, von der das Ende als Angst zu sterben, manchmal fühlbar wird… doch vorweg die Scham und davor die Sorge, etwas nicht zu verstehen…

Und ALL das soll nicht sichtbar werden. Ja, das macht wohl auch großen Stress. Weder die Ängste, noch die Scham, noch die Tränen. Also Deckel drauf halten. Doch das kostet enorm viel Kraft… mehr Kraft als zuzulassen: Ich schäme mich…? „Ich schäme mich dafür, dass, wenn ich etwas nicht verstehe, gleich Tränen laufen.“ „ICH schäme mich, wenn „jemand anderem“ Tränen laufen, weil er etwas nicht versteht.“

Hinzugefügt wurde dann aus aktuellem Anlass: „Ich schäme mich auch, dass ich nicht alles erinnere.“ So deutlich wird in diesen Tagen, dass es vermieden wird, zurückzudenken: Was habe ich gestern gemacht? Was vorgestern gekocht? Erst einmal muss tief durchgeatmet werden bei diesen Fragen und wenn ich „da bin“, was ich ja sein will, dann… ein paar Augenblicke Stress im Körper, weil keine Erinnerung da ist…

Angst vor Kontrollverlust. Ja, Angst, dass Tränen in einem Augenblick laufen, wo sie unangebracht sind… dafür schäme ich mich, schon jetzt, und davor habe ich Angst….