Blogparade: Trost

Hier mein Beitrag zur Blogparade von Jeca zum Thema „Trost“. Herzlichen Dank für die Einladung und Ermutiung.

Was ist Trost?… Meine ersten Assoziationen zu „Trost“ waren Augenblicke wie ein Pflaster auf das aufgeschürfte Knie geklebt bekommen, dich aufbauende ermutigende Sätze, wenn du mit einer 5 statt 2 aus der Schule nach Hause kommst, offene dich annehmende Arme nach dem Aus deiner ersten Beziehung in Liebe, liebe Worte

Ich erinnere die Anamnese-Frage meiner Therapeutin während des Studiums: „Zu wem sind Sie als Kind gegangen, wenn es Ihnen nicht gut ging, sie etwas auf dem Herzen hatten? Zu Ihrer Mutter oder eher zu Ihrem Vater?“ Noch heute fühle ich mein Schweigen als Antwort. Erinnere ich einen mich tröstenden Augenblick im Kontakt mit meinen Eltern?…

In meiner Kindheit und Jugend erlebte ich Gewalt. Viel Gewalt. Trost, mich tröstende Augenblicke erinnere ich nicht. Ja, selbst das Wort „Trost“ ist bis heute, einige Jahrzehnte später, (fast) nicht in meinem Wortschatz. Mir unbekannt. Und dabei gibt es sooo eine Sehnsucht. Ist es Sehnsucht nach Trost?

Was ist Trost für mich?…

Vielleicht nähere ich mich dem Thema, in dem ich mir überlege, was Trost für mich nicht ist… Spontan fallen mir zwei Situationen mit Menschen ein… Reaktionen, die ich in ähnlicher Art immer wieder mal erlebe… und die mir immer wieder weh tun. Schmerz statt Trost bringen.

Das eine ist -beispielhaft- die Begegnung mit einer Frau während meiner Ausbildungszeit. Wir trafen uns öfter auf nen Tee, weil wir ähnliches in unterschiedlichen „Betrieben“ erlebten. Es tat gut, sich auszutauschen… zu Beginn. Mit der Zeit nahm ich mehr und mehr war, dass, kaum begann ich von einer Herausforderung, sei es mit Inhalten, Strukturen oder Kollegen zu erzählen, sie fast sofort bei sich war und gleiche Probleme von sich erzählte. Ich wurde zur Zuhörerin. Etwas ganz Alltägliches, eigentlich. Nicht einmal mit böser Absicht, doch mir tut es weh. Nicht immer, aber oft. Inzwischen bin ich sehr sensibel für Reaktionen von Menschen dieser Art. Klar, bin ich auch bereit zuzuhören… und ich weiß auch, dass man von anderen und ihrem Umgang mit Problemen lernen kann… Doch in manchen Augenblicken ist meine Sehnsucht eine andere… Dann wünsche ich mir sooo sehr, dass Ich die Erzählende sein darf, dass mein Gegenüber bei mir bleibt… mir zuhört. Ja, für einen kurzen Augenblick sich selbst mit eigenen Themen ganz zurückstellt. Mich tröstet?!

Und das zweite, ist etwas, was grad heute mal wieder passierte. Nicht zum ersten Mal. Ich erzähle jemandem etwas für mich Alltägliches. Ich achte schon darauf, dass ich keine detaillierten Gewaltschilderungen aus dem Damals berichte… doch es gibt Folgen meiner Erfahrungen, die für mich Alltäglich, mich bewegend sind, wenn auch für andere fremd. Schon ein Leben lang gelte ich als sehr reflektiert, intensiv lebend, punktuell sehr emotional. Oft begleitet mich die Angst, ich könnte mein Gegenüber mit meinen Gedanken, meinem Erleben überfordern, mit dem, was für mich Alltäglich ist… Immer, so ist es mein Eindruck, ist es eine Gradwanderung: Was kann-mag ich erzählen? Was zumuten?… Ja, und manchmal gibt es Reaktionen ähnlich wie heute: „Es wäre gut, dass Sie dort mit Ihrer Therapeutin drüber reden.“ Oder „Hast du das schon mal in der Therapie besprochen?“… Ich werde von meinem Gegenüber auf die Therapeutin verwiesen. Das tut mir meist soooo weh. Mit meinen Gedanken und meinem Erleben bleibe ich erneut allein… auch mit meiner Sehnsucht nach Trost.

Was ist Trost?… für mich. Für mich ist Trost, wenn Menschen da sind. Wirklich DA. Da und bleiben. Als ganzer Mensch. Wenn sie einen Augenblick mit mir gemeinsam meine Empfindungen er-tragen, ihre Themen zurücknehmen und mir zuhören. Meine Worte zu verstehen suchen. Gefühle erlaubt sind und Tränen willkommen. Bei mir und auch bei meinem Gegenüber. Mit-Gefühl fällt mir ein. Manchmal sind die schweigenden Momente tröstender als viele Worte. Eine Hand auf meinem Rücken, meine Hand gehalten. (2, 3, 4) So wird (teils) Unaushaltbares aus-haltbar. Ich getröstet.

Muss mich zwangsläufig ein anderer Mensch trösten? Oder kann ich auch mich selber trösten?… Immer wieder eine spannende Frage. Abhängig von anderen will ich nicht werden, gleichzeitig glaube ich an Menschen als „Herdentiere“, keine Einsiedler, keine Einzelgänger. Vor allem glaube ich, dass Menschen Bedürfnisse haben, auch nach Trost… Trost durch einen anderen Menschen. Alleine kann ich mich einkuscheln in eine Decke, mir mein Wärmekissen warm machen… mir eine heiße Milch mit Honig kochen, oder in die Badewanne gehen. Ich kann auch innere Kinder versorgen. Phasenweise. Ja, ich kann mir Gutes tun. Meine Stimmung annehmen und Frieden finden mit mir… Doch… Ein Stück weit bleibt in mir dennoch diese Sehnsucht… diese Sehnsucht nach Trost. Die Sehnsucht zu teilen, was mich bewegt. Gehört und Gesehen zu werden, in dem, was mich beschäftigt, was ich empfinde. Alles alleine mit mir auszumachen, habe ich über Jahre (fast) perfektioniert. Ja, Einsamkeit habe ich im Leben (mehr als) genug erfahren… Ich sehne mich nach einem Menschen… nach Trost durch einen Menschen.

Was ist Trost?… Vielleicht, so überlege ich grad, ist Trost für mich eine Erfahrung jenseits von Sprache… in einer Begegnung. Eine Einladung, da sein zu dürfen. Ganz. Mit Trauer, in Ohnmacht. Vielfältig. So wie ich bin. So wie ich erlebe. Willkommen. Willkommen, auch dann noch, wenn Worte fehlen, mir oder meinem Gegenüber. Wir sprachlos sind. Gehalten. Berührt. Getröstet. Im Da sein. Durch Da sein.

Titelbild: (c) Mightyhansa, Water droplet on a leaf, Kontrast, Ausschnitt, Hinzufügen von Text von Jeca (Psychologik-Blog), kreiert mit canva (www.canva.com), Lizenz: CC BY-SA 3.0

3 Kommentare zu „Blogparade: Trost

  1. Liebe Birke,

    so, nun mit reichlich Verzögerung. Was für ein fantastischer Beitrag. Vielen Dank, dass du so offen schreibst und uns Anteil haben lässt an dem, was dich bewegt. Ich glaube, sehr viele Menschen machen (fast) alles mit sich allein aus, eben weil sie immer wieder die Erfahrung gemacht haben, dass niemand da war, wenn es darauf ankam. Du hast es ja offenbar in einem besonders heftigen Ausmaß erlebt. Danke, dass du da so ehrlich drüber schreibst.
    Du hast so vieles wunderbar auf den Punkt gebracht, dass ich jetzt gar nicht alles aufzählen kann. Ganz besonders schön fand ich allerdings deinen letzten Absatz.

    Hab herzlichen Dank! Heute noch stelle ich die Linkliste fertig!

    Gefällt 1 Person

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