Beitrag des Monats Juni: Wem erzählst du vom Viele sein?

Ich habe im Juni keine Worte gefunden… fand immer wieder das Thema des Monats zu groß, zu weit… mir kamen soo viele Situationen in den Sinn, so viele Aspekte, dass ich lieber gar nicht erst anfing… Heute hole ich es nach… einen Teil… nur einen Ausschnitt, doch an dem möchte ich euch teilhaben lassen…

Ich bin grad zurück von einem Frühstück mit einer Freundin… Freundin? Nein… eine Bekannte… ja eigentlich sogar eine ehemalige Chefin… ich arbeite nicht mehr, sie ist berufsbedingt inzwischen weitergezogen… das „Verhältnis“ ist nun ganz privat… wir verstehen uns gut, treffen uns ab und an mal zum Frühstück… sie weiß kaum etwas über mich, (außer über mein Sein damals als Kollegin)… über uns weiß sie rein gar nichts. Was ich vor zwei Jahren überhaupt nicht dachte, aber es bestätigt sich, sie ist ein Mensch, die sich meldet… immer wieder… alle zwei drei vier Monate… wir sehen uns nicht oft und doch ganz regelmäßig… ich mag sie und ich glaube mehr und mehr, dass sie in meinem Leben bleiben wird… dachte ich anfangs, es wäre nur ein einmaliges Treffen… wir haben wirklich Spaß zusammen… unterhalten uns über das Ausmisten von Klamotten, über Urlaube, die sie in weit entfernte Städte macht, über Newsletter, die man mal ent-abbonnieren könnte, über Versicherungen, die es sich zu wechseln lohnen… so gar nicht emotional „tiefsinnig“ und doch einfach wunderschön… Unsere Leichtigkeit möchte ich nicht kaputt machen… doch als ich heute nach Hause kam, liefen Tränen… es war sooo anstrengend… und irgendwie glaube ich, ist es an der Zeit auch dort das Wagnis einzugehen: Es könnte leichter werden… ja, es könnte einfacher werden, wenn sie etwas wüsste… wüsste, dass ich mich für ein „Ich“ sehr kontrollieren muss… und dass ich viel mehr erzählen könnte von meinem Alltag, wenn sie vom Viele-sein weiß…

Und mal eben formulierte sich ein Brief an sie. Noch ist er nicht abgeschickt, doch den Impuls mit einem Brief einer Freundin etwas zu sagen, gab es letztens (zwar an eine andere Freundin gedacht) schon einmal… und so ließ ich die Sätze entstehen… und Worte formten sich…

Und als es fertig war, dachte ich an die Fragen aus dem Monatsthema Juni: „Was erzählt ihr über euch? Weiß euer Umfeld Bescheid?“… Sicherlich ist es ja immer eine Frage, WER aus dem System erzählt über „die Anderen“… doch so wie in diesem Brief ist es für uns total stimmig… heute, hier und jetzt. Das kann demnächst schon wieder anders sein… Ob wir ihn abschicken? Ich weiß es noch nicht… erst einmal veröffentlichen wir ihn hier… denken nochmal drüber nach… es ist auch „nur“ eine Erstfassung, im Rohformat sozusagen… aber so oder so ähnlich sind unsere Antworten und unser Umgang mit dem Viele sein und einem Gegenüber.

Brief an eine Freundin

„Hey XY,

ich möchte gerne mit dir befreundet sein und dazu gehört auch, dass du weißt, was los ist. Ja, weshalb ich sooo lange nicht arbeitsfähig bin, hat seinen Grund. Auch wenn du ihn mir nicht ansiehst. Nein, es geht nicht in erster Linie um Depressionen. So wirke ich ja auch nicht auf dich. Es geht auch nicht um Erschöpfung. Geht es sicherlich auch, aber nicht vorrangig. Sooo vieles muss ich verbergen, weil ich bisher nicht ausgesprochen habe, um was es wirklich geht. Ich will das nicht mehr. Ich will es nicht mehr verbergen. Ich möchte sein können, mit allem, was mich bewegt… Ich möchte es dir erzählen, aber ich weiß nicht so recht wie. Ich habe Angst, du könntest viele Fragen stellen, die ich nicht beantworten kann… weil ich selbst so wenig weiß. Aber genau das macht mein Leben grad aus. Immer wieder selbst überrascht zu werden. Mit Unfassbarem konfrontiert zu sein… Mit so vielem, was unglaublich erscheint. Und wenn es mir das schon tut, dann wird es dir nicht anders gehen… Ich hatte mich entschieden, es kaum Menschen zu erzählen, weil ich selbst oft nicht weiß, was ich davon halten soll… aber es ist wie es ist und immer mehr merke ich, dass Treffen anstrengend werden, weil ich einiges verheimliche… mich so konzentrieren muss und so genau überlegen, was ich erzählen… und wie ich es erzähle…

Lange Rede, kurzer Sinn: Ich habe vor zwei Jahren die DIS- Diagnose erhalten. Dissoziative Identitätsstörung, ehemals Multiple Persönlichkeit… Das zu sagen, fällt nicht schwer. Schon immer, und das weißt du, falle ich in „alte Filme“, erlebe Dinge aus dem Damals wieder… Du weißt, dass ich Tochter einer psychisch kranken Mutter bin, doch es geschah damals viel mehr. Viel mehr Gewalt… viel früher schon… Ein Ausmaß, das auch mir bisher unbekannt ist, ich nur in Ansätze bereits weiß. Genug um zu sagen: Es war furchtbar… vor allem weiß ich, dass diese Diagnose nur gestellt wird, wenn die Gewalt schon in den ersten 4-5 Jahren soooo mächtig war, dass sie das Gehirn mit der Verarbeitung überfordert haben… so sehr, dass das Gehirn sich gar nicht entwickeln konnte wie es sich sonst, bei den meisten Menschen entwickelt… zu einem einheitlichen ICH… jedenfalls zu einem Ich, so wie du es kennen wirst… ein Ich, das ein Gefühl hat für den Körper, für sich selbst, für das, was du kannst, für das, was dich ausmacht… mit Anteilen, mal mehr Mutter, mal mehr XY- im Beruf, mal die Tennisspielerin, ja und mal mehr emotional und mal mehr sachlich…

Und mein Gehirn?? Meins hat sich aufgespalten… so dass ich kein Gefühl für mich habe… dass ich gar nicht weiß, wer oder was ICH bin… Ja, und jetzt kommt der Punkt, der vielleicht für dich so fremd klingen wird: Ich fühle mich nicht als Ich, sondern fühle ein „Wir“ als wahrhaftiger… erlebe das „wir“ als echter, als „runder“… Mehrere… unkontrollierter als deine Anteile es sind… Es macht mich oft so traurig, es so zu benennen, auch habe ich Angst, weil ich so gerne weiter mit dir befreundet sein möchte… „Klar.“, wirst du wahrscheinlich antworten. Vielleicht dich auch fragen, wo das Problem sein soll…

Nein, es gibt kein Problem… es wird sich auch kaum etwas ändern… dass sich nichts ändert, kann ich nicht sagen, will ich auch nicht versprechen… denn, was sich ändert, wenn ich nicht so kontrolliert handele und rede, ist, dass „ich“ im „Wir“ spreche… Wir waren mit dir frühstücken… Wir waren mit einer Freundin im Urlaub. Wir suchen eine Wohnung… Es fühlt sich viel viel viel wahrer an… im „Wir“ fühle ich den Körper, habe ein stimmiges Gefühl dazu…

Ich könnte es dir erklären… mit „Gehirnwörtern“… neuronale Netzwerke, Dissoziation etc… ob es das braucht, weiß ich nicht… Vielleicht bleibt es auch ein „Ich“, wenn ich bei unseren Treffen erzähle… es ist so wenig planbar… denn es reden verschiedene „Gehirnregionen“… und die einen reden in „ich“ und die anderen in „wir“… ja, weil es für manche im Innen so selbstverständlich ist, dass wir Viele, mehrere sind… es werden mussten, um all die Gewalt zu überleben… damals, ganz früh in den ersten Jahren… dann spaltet sich das Gehirn auf und bildet für (fast) jede neue traumatische Erfahrung ein eigenes Netzwerk im Gehirn… dass sich irgendwann verselbstständigt, hin zu einem eigenen Persönlichkeitsanteil, subjektiv als „mir fremd“ erlebt, jemand anderes… und wenn es dann sichtbar werden darf, fühlt es sich wirklich an, als ob da noch andere sich mit dir diesen Körper teilen… mit ganz anderen Sichtweisen, mit ganz anderen Gedanken, mit einem ganz anderen Blick auf die Welt… manches ist mir sehr ähnlich, manches nicht… Selten sind „Wechsel“ nach außen sichtbar… und doch macht es ganz viel, wenn mein Gegenüber Bescheid weiß, weil es dann nicht mehr so kontrolliert werden muss… vor allem im sprachlichen Bereich, ob „ich“ oder „wir“ merken wir es ganz doll… es kostet sooooo viel Kraft immer in „Ich-Form“ zu reden, obwohl du eigentlich ein „Wir“ fühlst…

Nein, all das wusste ich, als ich noch arbeitete selbst nicht… doch als die Therapeutin die Vermutung aussprach, dass es dort „mehrere“ zu geben scheint, flossen einfach Tränen… und auch wenn es erst groooße Skepsis bereitete und vom Kopf her überhaupt nicht verstanden werden konnte, so zeigten die Gefühle sooo deutlich, dass es endlich ein Ankommen war… ein Ankommen in mir, in diesem Körper… im Ich als Wir… mein ganzes Leben habe ich mich leer gefühlt, hohl, immer auf der Suche nach Lebendigkeit… auch wenn man nach außen nichts gemerkt hat, so litt ich innen, weil ich nichts fühlte. Ich habe versucht, sehr empathisch zu sein, was ich auch kann… ich kann über Gefühle reden, sie benennen, ich benutze sie, um etwas zu beschreiben, doch es war eher ein „Spiel“, eins das ich nachmachte, weil die Welt so funktioniert… es war nichts, was ich aus dem Innen heraus fühlte… und jetzt werde ich immer lebendiger… und beginne zu fühlen… all das, was über Jahrzehnte abgespalten war… was jetzt auftaucht… einerseits diese wunderbaren „Seiten“, die lebendig machen, andererseits damit ganz viele Gewalterinnerungen, die mich fast täglich an eine Grenze der Überforderung bringen, weil ein Wiedererleben in Form von Bildern, Gefühlen oder Körpererleben oft sooo unaushaltbar ist…

Ich lege dir eine Broschüre bei… („Viele sein“ von Vielfalt e.V.) nur wenn du magst. Du darfst alles fragen… trau dich. Ich schaue dann, was ich und wann beantworten kann und mag…

Und: Bitte… am liebsten würde ich sagen, schweig danach drüber (nicht mir gegenüber, sondern anderen Menschen, vor allem jenen, die mich kennen)… und vernichte diesen Brief… es wissen nur ganz ganz wenige Menschen, weil ich mich auch dafür schäme, dass es ist wie es ist… vor allem aber, weil ich Angst habe, dass ich für „verrückt“ erklärt werde… Nein, das bin ich nicht… mir wird immer wieder gesagt, ich sei sehr intelligent und dieses „Wir“-Gefühl ist eine Folge von Gewalt… von jahrelangen traumatischen Gewalterfahrungen… immer wieder in Todesnähe. Das zu akzeptieren ist Weg und Ziel zugleich.

Ich freue mich auf weitere Begegnungen mit dir… und freue mich darauf, dann auch mehr erzählen zu können von mir und meinem Leben… zum Beispiel habe ich wieder das Schreiben begonnen… doch auch so etwas ist erst jetzt, nach „Öffnung des Themas“ erzählbar, denn jetzt kann ich die Frage „Oh, was schreibst du denn?“ ehrlich beantworten mit: Einen Blog… Über das Leben, den Alltag und die Therapie als Viele-Mensch…

Ich mag unsere Treffen… und hoffe einfach, dass wir auch weiterhin in Kontakt bleiben… Warum ich dir all das schreibe?… weil Begegnungen mit Menschen, die es wissen, sooo viel leichter fallen, viel entspannter sind… auch wenn sich im Außen meist (erst einmal) gar nicht viel ändert… doch alles kontrollieren fällt weg… einfach, weil ich es nicht verheimlichen muss…

Ich wünsche dir einen wunderschönen Sommer…

Liebe Grüße

Birke“

6 Kommentare zu „Beitrag des Monats Juni: Wem erzählst du vom Viele sein?

  1. Erst mal, meinen Respekt zu diesem Mut es überhaupt in Erwägung zu ziehen, es jemanden zu sagen!
    Nun zu dem Brief!
    Wir finden,das Ihr das sehr gut formuliert habt und es auch sehr verständlich rüber bringt,was eure Beweggründe sind…
    Auch die Erklärung wie es dazu kommt finde ich sehr gut.
    Ich hoffe und wünsche euch von Herzen, falls ihr den Brief anschickt, das ihr euch dann in der Begegnung mit ihr,nicht mehr so anstrengen müsst um ein ICH zu sein!
    Denn JAAAA das ist echt mega anstrengend und erfordert ein hohes Maß an Konzentration, die aber oft nicht da ist.

    Gefällt 1 Person

  2. schick ihn ab. Er ist super und ich glaube ehrlich gesagt, dass jeder Mensch mit Herz das verstehen kann. Ich fand für mich persönlich den Teil gut, wo Du beschreibst, dass du selber vieles noch nicht verstehst. Ich selber laufe manchmal mit so einem Bild durch den Kopf, dass es bei mir auch so sein müsste, wie in den Büchern und Filmen, aber es kann eben auhc ganz anders sein und das macht es ja fast noch schwieriger es anderen zu erklären-

    Gefällt 3 Personen

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