Ein Ausflug… statt „Küche“

Heute war es 10.30 Uhr ehe wir „das Licht des Tages“ erblickten. Das ist auch für uns spät, obwohl wir gerne länger schlafen… Wäre es erst morgens gegen acht gewesen, hätten wir uns nochmal nen Stündchen umgedreht, so müde und wie aus dem Tiefschlaf erwacht, fühlten wir uns… Doch es gibt innen auch die „Stimme“, die Panik schiebt, wenn es gegen Mittag geht und wir noch nicht fit sind… Also war es besser aufzustehen.

Kaum die Augen auf: „Heute ist Flohmarkt! Ab 12 Uhr.“… „Äh“, dachte ich. „Das ist in 90 Minuten“… „Ja, wir könnten doch mit dem Rad hinfahren, ein bisschen raus“, wurde auf mein Zögern weiter eingeredet… Ich mag es nicht, im Eiltempo „mich“ fertig zu machen, duschen, anziehen, los. Das ist überhaupt nicht meine Art. Ich mag erstmal wach werden, gucken wie die Lage innen so ist, wie das Spannungsniveau des Körpers ist und dann… irgendwann dann… nachmittags, nagut, wenn es sein muss… und es uns gut geht, wir sortiert sind… dann können wir verhandeln, etwas zu tun. Doch das „Biiiiitte“ innen wurde lauter…

Nagut, aber nicht um 12 Uhr, sondern um 13 Uhr… Erst einmal Waschmaschine anstellen und den allerersten Durchlauf der neuen Geschirrspülmaschine in der neuen Küche abwarten… Wir tranken Tee in der Sonne auf dem Balkon, so schönes Wetter…

Ich dachte nach… und vermute immer mehr, dass mein Denken innen gehört wird, auch wenn ich keine „anderen“ in dem Augenblick wahrnehme. Ich dachte, dass es viel schöner wäre, wenn wir erst hier zu Hause ein wenig fleißig sein könnten und uns dann mit Rausgehen belohnen würden… vielleicht würden wir motivierter sein, wenn wir wüssten, danach machen wir noch etwas Schönes…

Und prompt kam aus dem Innen: „Dann fahren wir halt nicht zum Flohmarkt, sondern in den Zoo. Da können wir auch noch später hinfahren. So gegen 15 Uhr.“… „Oh ja, auch ne schöne Idee“, dachte ich… und schon schien es entschieden und die Freude im Innen von Kleinen soooooo fühlbar: „Wir fahren in den Zoo. Wir fahren in den Zoo. Wir fahren in den Zoo.“… Die Öffnungszeiten wurden gegoogelt, die Anreise auch…

„Ich“ (ich?) dachte noch: Wir müssen-sollten lieber unsere Küchensachen endlich mal auspacken und in die Schränke einräumen. Haben gestern ein wunderschönes Plissees ans Küchenfenster angebracht, doch „Küche“ ist nach wie vor schwierig…

Ja und da ändert sich grad etwas… verändert sich. „Faul“, etc… sind Sprüche, die ich bezüglich all der (in der Küche) zu erledigenden Arbeiten aus dem Innen höre… Abwertend, verurteilend. Und doch konnte ich mich heute für Ausflug entscheiden… Ohne schlechtes Gewissen. Das dürfen im Innen welche haben, haben sie auch, aber ich vertraue auf das, was ich von der Psychiaterin noch sooo im Ohr habe.

Im Gespräch über die zu beantragenden Hilfen ging es um Unterstützung im Haushalt… und ehrlich nannten wir Stichworte, die in den letzten Monaten aufgetaucht waren… Erinnerungen und Fetzen zu „Müllbeuteln“, zu Obst zerschneiden, zu „nasser Lappen“ etc… Und sie sagte, sehr zugewandt und verständnisvoll: „Da MUSS man diese Dinge gegenwärtig auch vermeiden“… und weiter in etwa: „sonst würde man ja nur noch in „Gefühlen des Damals“, im Wiedererleben, in flashback-ähnlichen Zuständen leben, was auf Dauer nicht auszuhalten wäre.“…

Es war wie eine Erlaubnis, dass es okay ist, Dinge zu vermeiden… Ich habe ihr: „man MUSS sie vermeiden“ noch so im Ohr… und das tut so gut. Wir haben in den letzten Tagen nämlich viel nachgedacht und nach-gefühlt, wie schwierig es für uns ist, Hilfen für Haushaltstätigkeiten zu beantragen, denn… Müssten wir dann nicht erst einmal diese Dinge lernen, statt Schöne Dinge zu tun?… Einkaufen und Abwaschen üben, statt mit dem Fahrrad ins Grüne zu fahren… Müll runterbringen und Putzen statt eines Ausflugs?… Doch Frau Psychiaterin war da sehr klar und sagte, dass es nicht um „mal eben lernen“ gehe… ich wüsste doch wie es gehe, in der Theorie. Ich könne es dennoch nicht… nicht, weil ich so erschöpft sei, nicht weil ich faul sei, nicht weil ich in der Therapie ne kurze Krise habe, sondern weil es Folgen von Traumatisierungen seien… Folgen, die sich so auswirken, sooo heftig. Weil Erinnerungen, die nah unter der Oberfläche sind, aufgewirbelt würden… immer wieder unkontrolliert. Und das vermieden wird. In der Massivität vermieden werden MUSS.

Ja und so war es heute Morgen. Ich sah die Umzugskartons, die teilweise gestern geöffnet wurden, denn es steht an… Küche einräumen, steht an. Und doch: Ich darf auch anderes machen. Es geht nicht „mal eben“… alles, was mit Küche zu tun hat, ist im Moment echt schwierig… Frau Therapeutin sagte Dienstag (in etwa) zusammenfassend: „Einige von euch können in die Küche und freuen sich an der neuen Küche und andere können da im Moment nicht rein. Für die ist es wichtig, dass ihr in ein anderes Zimmer etwas zu Essen und zu Trinken stellt, damit sie nicht hungern und dursten müssen, wenn sie vorne sind.“… Sooo schwierig, das anzunehmen… Ja, da sind wir der „Stimme“: „Soo albern“ so nah…

Und doch: Heute… heute haben wir akzeptiert, dass es ist wie es ist. „Küche“ geht grad nicht, aber Ausflug geht. Das sind zwei total unterschiedliche Aktivitäten. Und ich denke an Hannahs Artikel „Jobcenter like ist 2015“, in dem ich die Formulierung sooo wunderbar fand: „Wir sind widersprüchlich. (…) Ich selbst muss diesen Widerspruch nie aushalten. Ich lebe ihn.“ Ja, ich möchte auch unsere Widersprüche leben… er-leben lassen. Möchte annehmen, dass manches nicht geht. WIRKLICH nicht mal eben geht.

Ja und so machten wir einen Ausflug… wer Kinder-nörgeln kennt, ahnt, dass wir vorher nichts mehr gemacht haben… „Wir machen einen Ausflug“… diese Freude. Es war sooo eine Vorfreude. Und sie haben ja Recht, schon Wochen vor unserem Umzug war klar, dass wir nun näher an einem Zoo wohnen würden, als bisher… und das möchte genutzt werden.

Und es war sooooooo schön…

Nach einer Stunde waren wir einfach platt und sehr zufrieden. Haben dann mit einem Eis eine Pause auf einer Bank gemacht und sind dann noch einmal eine halbe Stunde rumgegangen… doch wieder einmal habe ich gemerkt, es braucht gar nicht viel, um innere Zufriedenheit zu fühlen. Enten, wir guckten sooo lange Enten… Erdmännchen und Alpaka. Diese Kombi hätte völlig gereicht. Hat gereicht.

Es war soooo schön und ist unbedingt eine Wiederholung wert… Ja und das Thema Jahreskarte schwirrt auch im Kopf rum 😊… damit es sich auch -ohne schlechtes Gewissen- einfach für ne Stunde lohnt!

5 Kommentare zu „Ein Ausflug… statt „Küche“

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